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Tag 2 : Scham

Aktualisiert: 8. Mai

Tag 2

Das wird kein Mutmach-Text. Das wird kein positiver Text. Das wird einfach ein: so ist es gerade.

Ein Insight. Los gehts.


Ich schäme mich. So viel, so oft und immer wieder sehr überraschend für mich: wofür.


Ich schäme mich dafür vielleicht überreagiert zu haben, zu viel gewollt zu haben,zu viel gezeigt zu haben, ich schäme mich für meine Lebensgeschichte, mein Trauma, meine Erkrankung, meine fehlende Stärke.

Mein Reden, mein Schweigen, mein Schreiben, mein alles.

Meine Art mich zu kleiden, mein Gesicht, selbst für meine Scham.


Ich gehe grad durch den verdammten Dschungel (no offense, aber was für ein hässliches Wort) meiner inneren Täler, weil ich mich endlich wirklich dem stelle, was ich eigentlich vom Leben will und vor allem: womit ich eigentlich mein Geld verdienen will.


Als sei die Suche nach dem Job gleichzeitig die Suche nach meiner Identität.

Wer hat das eigentlich erfunden, diese Kopplung von Identiät und Beruf?

Wieso kann man nicht einfach Geld verdienen, oder noch besser ein bedingungsloses Grundeinkommen, und dann schauen was man noch so machen will.


Ohne diesen Druck, 1. genug Geld zum Leben und am besten noch für die Altersvorsoge zu haben und 2. die beste Version von mir selbst zu leben.


Ständig kreise ich dabei um die Zahl 36. Ich bin schon 36. Und das tue ich seitdem ich 26 bin. Schon vor zehn Jahren fühlte ich mich der 88 näher als der 22.


Ich bin traumatisiert und lebe immer noch mit den Folgen dessen.


Meine Kindheit war weder rosig, noch behaglich, noch abenteuerlich, noch sonderlich schön.


Ich versuche immer wieder eine Version meiner Geschichte zu schreiben, aus der ich ganz viel für mich gezogen habe. Sie zu einem großen Abenteuer zu machen, wie Ronja Räubertochter, nur mit Großstadtvibes.


Und diese Seite stimmt auch.


Aber die andere Seite, die Langzeitfolgen, die erwähne ich nicht. Die will ich nicht zeigen, aus Angst davor, abgelehnt zu werden. Das Lustige, das Humorvolle, der starke Umgang mit der eigenen Geschichte ist das, was verfängt.


Aber das Schwache, das Hoffnungslose, das macht Angst. Denke ich zumindest.


Ich bin quasi barfuß losgelaufen, um einen Berg zu erklimmen. Andere hatten schon Wanderschuhe an den Füßen. Und auf dem Weg hatte ich weder Zelte noch ein Navi dabei. Ich hatte nur das Versprechen, wenn du oben ankommst! und du musst oben ankommen! dann erwartet dich das schöne Leben. Da geht die Sonne auf.


Und ich wandere immer noch diesen Berg hinauf. Und habe den Sonnenaufgang immer wieder mal kurz erahnen können, aber gesehen habe ich ihn noch nicht.

Ich frage mich, wann geht die Sonne für mich auf?


Und muss ich wirklich dafür weiter den Berg hinaufsteigen?


Ich habe nämlich ehrlich gesagt keine Kraft mehr. Irgendwie sind meine Tanks leer.


Ich habe Blasen an den Füßen, eine ganz rissige Haut und sehe nicht die Fotospots auf dem Weg und die tolle Aussicht, sondern immer nur den nächsten kleinen Pfand, ein nächster Aufsteig, an dessen Ende ich nicht weiß, was auf mich wartet.


Und währenddessen bin ich extrem schreckhaft, sehr schnell erschöpft, immer wieder mutlos, habe ein schlechtes Selbstbild, neige zum Misstrauen anderen Menschen gegenüber, bin leicht reizbar und neige zum Rückzug, wenn ich mich nicht verstanden fühle.

Das kann Einsamkeit als Folge haben. Und die kenne ich.


Und dafür dann wieder diese Scham.


Meine Hürde.

Dafür, so am Leben teilzunehmen, dass ich es wirklich greife und nicht nur passieren lasse.


Song des Tages:

RAYE - I know You're Hurting


 
 
 

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