Tag 4 : Instagram
- Janine Meißner

- 11. Mai
- 4 Min. Lesezeit
Tag 4
Puh. Ich hasse Instagram und bin gleichzeitig übelst darauf konditioniert.
Meine Aufmerksamkeit folgt denen, die in kurzen, schnellen Videos mit sehr sehr sehr vielen Videoschnitten irgendwelche Dinge erklären oder zeigen. Beispielweise ein Haus renovieren, eine Küche umbauen, Feminismus erklären, was auch immer. Irgendwas halt, für das ich ein Faible habe. Rödler. Die Menschen, die gerne rödeln. Und zwar dort, wo ich nicht bin.
Auf dem Land, in einer geilen Wohnung, auf Bali, in einem tollen Outfit, mit guten Haaren und tollem Makeup, alles so verwuschelt schön und originell und gleichzeitig so aufgeräumt und sauber geschnitten, dass Bild und Inhalt dann irgendwie schon nicht mehr zusammen passen.
Sie wollen mir erzählen, dass auch bei Ihnen nicht alles perfekt läuft, ups, ein Loch zu viel geschraubt wurde, ein inneres Kind zu viel verletzt wurde oder eben, lustig, die eigene Wohnung plötzlich doch mehr gekostet hat, als man erwartet hat.
Und ich denke, ja, das könnte ich auch schaffen! Das könnte ich auch haben! Ich muss es einfach nur wollen. Der WILLE zählt, und dann kannst du mit wenig Geld, LOW BUDGET, um die Welt reisen, ein kleines Haus kaufen und renovieren oder eben zum Beispiel ohne Mann endlich erkennen, dass du eigentlich Interior Design liebst und dich selbstständig machen.
Oder am besten für mich: mit drei Kindern oder besser trotz drei Kindern, einen Doktor in Medizin machen und noch Jugendliche im Fußball trainieren und deine Oma regelmäßig in Bayern besuchen, und ihr immer selbst Blumen pflücken, die vom Wegesrand, und deine schön gekleideten Kinder diese selbst gestalteten Blumensträuße überreichen lassen.
Und das alles trotz dessen, dass du Alleinerziehend bist! Stell dir vor.
Dabei alle Kinder so schön ordentlich und immer auch ein bisschen frech, aber so perfekt frech. Nicht so auf den Tisch kletternd, den Käse vom Brot ans ICE Fenster schmierend, Haare selbst schneidend frech.
Und ich falle voll drauf rein.
Schaue mir diese Reels an und denke innerlich, ja wie geil wäre das denn, stimmt, ich könnte das auch. Ich muss es doch einfach nur wollen.
Stattdessen habe ich mich dazu entschieden mit zwei Kindern, in einem bunten Patchwork Haufen und mittlerweile mit Mann, trotz Mann, tagelang nicht hochzukommen, keine grandiose vermarktbare Idee, selbst kein Geld für den Straßenrandblumenstrauß in Bayern zu haben.
Denn für diesen scheiß Straßenrandblumenstrauß in Bayern brauchst du:
eine Oma in Bayern,
einen Ort in Bayern, wo Blumen am Straßenrand wachsen, die nicht vollgepisst oder vollgedieselt sind von vorbeifahrenden Autos, du brauchst also am besten ein Dorf, das heißt, am besten Großeltern mit Geld,
Geschmack für schöne Blumen, und zwar am besten den vererbten Blick („Meine Mama hat mir schon als Kind gezeigt, wo diese tollen kleinen Blabla Blumen wachsen“),
Kinder, die Bock haben trotz einer fünfstündigen Bahnfahrt (oder besser Autofahrt, dann sind die Kids nicht so schrecklich erschöpft wenn man ankommt) noch Blumen vom Dorfstraßenrand zu pflücken, oder wenn sie selbst nicht pflücken, dann wenigsten dich pflücken lassen,
eine Heiden-Geduld mit müden Kindern, die dir dann nach einer fünfstündigen Autofahrt am Hosenbein (oder doch besser, am schönen tollen fast bodenlangen Rock OHNE Sitzfalten) ziehen und brüllen, ich will nicht, ich kann nicht, ich renne jetzt weg. Und du dann so tiefenentspannt allein mit Kindern, oder trotz Kindern, in ruhigem Ton mit ihnen redend (kann man noch für Mamacontent nutzen) hinkniend, erklärst, dass diese kleine gelbe Bla Bla Blume der Oma eine große Freude machen wird, und dass das schon immer so gemacht wird, dass es Tradition ist, kleine Stranßenrandblumensträuße zu verschenken.
Und ich habe jetzt noch nicht aufgezählt, was man für ein Medizinstudium und einen Doktor in Medizin braucht, für drei Kinder mit schönen Klamotten, und den bekloppten Fußballverein, bei dem du die Kinder ehrenamtlich trainierst.
Und wenn ich diese Checkliste dann durchgegangen bin, dann erst erkenne ich, dass ich das alles ja garnicht habe.
Ich habe weder eine Oma in Bayern, noch in einem Dorf, wo außer Disteln, am Straßenrand schöne kleine Bla Bla Blumen wachsen, noch habe ich ein Auto für eine entspannte Fahrt ins bayerische Dorf, ich habe keine Geduld mit meinen Kinder, wenn ich selbst müde bin und ich interessiere mich garnicht für kleine Bla Bla Blumen. Und ich habe keine Mikro, mit dem ich mich selbst aufnehmen kann. Gut, das ließe sich noch am schnellsten beheben.
Aber am wichtigsten, erst am Ende, erkenne ich, dass ich gar keine Lust habe nach Bayern mit drei Kindern zu fahren und scheiß Straßenrandblumenstäuße zu sammeln.
Wenn ich Geld und eine Oma in Bayern hätte, würde ich meine Kinder in den Ferien für zwei Wochen allein oder mit ihrem Vater oder mit einer anderen Person unserer Wahl dorthin schicken, und mir zwei Wochen allein auf Bali oder in meiner Waldhütte gönnen. Ohne Handy und Mikro. Aber vermutlich hätte ich nur so viel Geld, weil ich mit meinem Account Geld verdiene und er verlangt, dass ich auch in meiner Waldhütte allein im Wald, ohne Kinder, irgendwas filmen müsste. Zum Beispiel wie ich wahnsinnig lange Barfußspaziergänge mache und wie gut das für meine Mental Health ist.
Ich merke, ich muss Instagram wieder löschen.
Oder irgendeine andere Beziehung dazu entwickeln, denn ich checke erst immer viel zu spät, dass ich auf einer Werbeplattform unterwegs war. Und dass ich das alles garnicht wirklich haben kann, oder will.
Aber davor bin ich durch verschiedene Schichten gewandert, über Neid und Missgunst, bis Hochachtung und Bewunderung. Um dann wieder bei mir zu landen und mich kleiner als vorher zu fühlen.
Ein Hoch auf den Kapitalismus, der uns so sehr vermittelt, dass wir alles sein können, wenn wir es nur genug wollen.
Und dieser scheiß Straßenrandblumenstrauß kann mich mal.
Der verwelkt, wenn wir ehrlich sind, eh nach einem Tag.
Ich bring meiner Oma ein alkoholfreies Bierchen von der Tanke mit und setze mich mit ihr den Schrebergarten in der Lausitz und lass mir was von Kartoffeln und den letzten Arztbesuchen erzählen.
So.
Song des Tages:
Funny van Dannen - Kapitalismus



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